Von Göttern und Osterspaziergängen

Ein Essay von Carolin Hüter


Vom Eise befreit sind Strom und Bäche

Deine gebundene Abschlussarbeit liegt nun endlich beim Korrektor. Monatelang hast du dich tagaus, tagein mit ein und demselben Thema beschäftigt. Mal mehr interessiert, mal weniger. Die Welt wartet nur auf dich, du gehörst zur geistigen Elite, tönt dir das Echo deiner Gönner in den Ohren. Die Bewerbungsphase beginnt, voller Stolz schreibst du deinen Lebenslauf mit blumigen Titeln wie „Master of irgendetwas“ oder „Bachelor of irgendetwas anderes“.

Durch des Frühlings holden, belebenden Blick

möchtest du nun wohlwollend auf dem Arbeitsmarkt willkommen geheißen werden. Zielsicher suchst du dir die Position heraus, die du dir schon immer erträumt hast, und nennst die dir gepredigten Gehaltsvorstellungen. Mögen die Spiele beginnen.

Im Tale grünet Hoffnungsglück

Die ersten Bewerbungen sind abgeschickt und du genießt die Zeit zwischen Studium und dem Ernst des Lebens. Der alte Winter, in seiner Schwäche, zog sich in rauhe Berge zurück Plötzlich schlägt dir ein durchtrainierter Kerl à la Schwarzenegger kräftig ins Gesicht. Der ominöse Kerl ist die Realität. Die ersten freundlichen Absagen treffen ein. Die nächsten Wochen verheißen keine Wendung. Was also tun? Wenn du dich selbst versorgen musst, sitzt du bald im Kino an der Kasse, tourst mit einem Pizzamobil durch die Stadt oder lässt dich auf eines der zahlreich vergebenen Praktika ein.

Von dorther sendet er, fliehend, nur
ohnmächtige Schauer körnigen Eises
in Streifen über die grünende Flur

Du hast dich für ein Praktikum entschieden. Immerhin bezahlt
und mit Unterkunft. Von den anderen „Göttern“ deines Jahrgangs
hast du schon Schlimmeres gehört. Monat für Monat erkämpfst
du dir mehr praktische Erfahrung, immer gespickt mit
Kommentaren wie „Du hast doch studiert, dann muss ich dir das
ja nicht erklären“. DOCH MUSST DU, denn Theorie und Praxis
können verschieden sein und müssen erst verknüpft werden.

Aber die Sonne duldet kein Weißes,
überall regt sich Bildung und Streben,
alles will sie mit Farben beleben

Das erkämpfte Wissen und deine Eigeninitiative zahlen sich irgendwann aus, und du merkst, wie die Zuversicht in deine Fähigkeiten zurückkehrt. Du lernst, es gibt viele „Götter“ deines Faches. Ob studierte oder ausgebildete, es gibt viele Wege, auf denen man sich hochgradige Kompetenzen erarbeiten kann. Unter dem Strich ist es doch egal, welchen Weg man wählt. Auf allen ist viel Eigeninitiative und Engagement gefragt. Bleibe dran und
motiviert, und schon bald heißt es dann für dich:

Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!


Nicht verzagen, Goethe fragen – auch wenn der Weg kein gemütlicher Osterspaziergang war.

Grüße
Master of irgendetwas